Christoph R. Siebrasse – der Freidenker
Die Arbeiten von Christoph R. Siebrasse kenne ich seit 1990, seit Beginn meines Designstudiums an der ehemaligen Werkkunstschule Krefeld. Für uns Studenten gehörte Siebrasse damals zu den aufregenden deutschen Gestaltern einer Generation, die in den 1970er und 1980er Jahren die Grenzen des Designs neu auslotete.
Mich faszinierte schon damals, dass sich seine Arbeiten einer eindeutigen Zuordnung entzogen. Stühle, Sitzobjekte und Konstruktionen wurden bei ihm zu eigenständigen räumlichen Gebilden. Sie konnten benutzt werden und behaupteten zugleich eine skulpturale Präsenz.
Mehr als drei Jahrzehnte später haben diese Arbeiten für mich nichts von ihrer Eigenständigkeit verloren. Sie handeln von Form und Konstruktion, ebenso aber von Haltung, Bewegung und unserem Verhältnis zum Raum.
Sitzobjekte von Christoph R. Siebrasse finden Sie unter der Rubrik Classic Design.
Christoph R. Siebrasse (1944–2025) gehört zu den eigenständigen Positionen des deutschen Designs seit den 1970er Jahren. Sein Werk bewegt sich kontinuierlich im Grenzbereich zwischen Design und bildender Kunst. Möbel, Sitzobjekte und Skulpturen bilden dabei keine voneinander getrennten Werkgruppen, sondern gehen immer wieder ineinander über.
Bereits früh löste Siebrasse den Gebrauchsgegenstand aus den Konventionen einer ausschließlich funktionalen Gestaltung. Seine Entwürfe sind häufig aus einfachen geometrischen Grundformen aufgebaut und entstehen aus bewusst schlicht gewählten Materialien, die verfügbar, konstruktiv verlässlich und auf Dauer angelegt sind. Holz, MDF, Vierkantstahl, Platten und offen sichtbare Verschraubungen werden dabei nicht kaschiert, sondern als Teil der Konstruktion und Gestaltung verstanden. Aus dieser Klarheit entwickeln seine Arbeiten ihre besondere räumliche Präsenz.
Dabei nimmt das Sitzen innerhalb seines Werkes eine besondere Stellung ein. Sitzflächen können aufgehängt, beweglich gelagert oder Teil komplexer Konstruktionen werden. Das Sitzen wird so selbst zu einem körperlichen und räumlichen Vorgang. Haltung, Gleichgewicht und Bewegung werden zu einem Bestandteil der Gestaltung und verändern die gewohnte Beziehung zwischen Mensch und Möbel.
Beispielhaft verdichtet sich dieses Denken im 1988 entstandenen Freidenker, einer zwischen Sitzskulptur, Schreib- und Lesekanzel angesiedelten Konstruktion aus Vierkantstahl und Marmor. Die ungewöhnlich erhöhte Sitzposition verändert die gewohnte räumliche Ordnung: Ein sitzender Mensch begegnet einem stehenden Gegenüber nahezu auf Augenhöhe. Funktion, Körperhaltung und Wahrnehmung des Raumes werden damit auf ebenso einfache wie präzise Weise neu bestimmt.
Der Freidenker steht exemplarisch für Siebrasses Fähigkeit, funktionale Anforderungen, körperliche Erfahrung und skulpturale Präsenz miteinander zu verbinden. Zugleich zeigt sich darin die große formale Offenheit seines Werks. Manche Entwürfe wirken streng und architektonisch, andere blockhaft und skulptural, wieder andere leicht, beweglich oder beinahe spielerisch. Ein einheitlicher Stil stand für ihn weniger im Vordergrund als die immer neue Frage, was ein Möbel sein, auslösen und im Raum bewirken kann.
Diese Haltung verbindet sein Werk über mehrere Jahrzehnte. Sie erklärt auch, weshalb seine Arbeiten bis heute so eigenständig erscheinen: Sie sind funktional gedacht, ohne sich in Funktion zu erschöpfen, und skulptural präsent, ohne ihren Bezug zum Gebrauch zu verlieren.
Siebrasses Arbeiten entstanden überwiegend als Einzelstücke oder in kleinen Serien. Ihre handwerkliche Herstellung und die sichtbare Konstruktion gehören ebenso zu ihrem Charakter wie das beständige Überschreiten der Grenze zwischen Gebrauchsobjekt und autonomer Skulptur.