Dogon

Jägerhemd

handgewebte Baumwolle, Leder, Kaurischnecken, Spiegelglas, Metall, Horn, und weitere Materialen
ca. H. 80 cm, B. 108 cm

Volk der Dogon, Mali, 20. Jahrhundert

Euro 950,-

Zeichnung von Rolf Cavael

Das weit geschnittene Jägerhemd ist aus schmalen Bahnen handgewebter Baumwolle zusammengesetzt. Vorder- und Rückseite sind dicht mit Kordeln, kleinen Amulettpäckchen und unterschiedlichen Anhängern besetzt. Zu ihnen gehören in Leder gefasste Spiegel, Kaurischnecken, Metallglocken, umhüllte oder verschnürte Objekte sowie tierische Materialien. Auf der Rückseite befindet sich als besonders markantes Element ein größeres Horn, das unmittelbar auf dem Gewebe befestigt ist.

Solche Hemden gehörten zur Ausstattung westafrikanischer Jägervereinigungen, deren Traditionen in Mali bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen, darunter den Dogon, Bamana und weiteren Mande-Gruppen, belegt sind. Der Jäger nahm innerhalb dieser Gemeinschaften eine besondere Stellung ein. Mit der Jagd verbanden sich Kenntnisse über Tiere, Pflanzen und die Gefahren des Buschlandes ebenso wie ein umfangreiches Wissen um Schutzmittel, wirksame Substanzen und den Umgang mit den Kräften des erlegten Wildes. Das mit Lebewesen und Naturkräften verbundene nyama konnte nach den Vorstellungen der Mande auch nach dem Tod eines Tieres wirksam bleiben und für den Jäger eine Gefahr darstellen. Entsprechend besaßen Schutz und rituelle Vorbereitung eine zentrale Bedeutung.

Die einzelnen Bestandteile eines Jägerhemdes konnten über Jahre hinweg ergänzt werden. Lederamulette enthielten schützende oder stärkende Substanzen und bisweilen koranische Texte; Hörner dienten als Behälter für wirksame „Medizinen“. Auch Teile erlegter Tiere wurden in das Gewand aufgenommen. Mit zunehmender Erfahrung und erworbenem Wissen verdichtete sich die Ausstattung des Hemdes und konnte damit zugleich Auskunft über Rang und Laufbahn seines Besitzers geben. Die zahlreichen geknoteten und frei herabhängenden Schnüre gehören ebenfalls zu diesem Zusammenhang. Bei einem Jägerhemd der Dogon im Museum der Kulturen Basel werden solche Kordeln als Träger verschlüsselter Beschwörungsformeln beschrieben, deren Wirksamkeit während ihrer Herstellung durch Speichel übertragen werden konnte.

Bei dem vorliegenden Exemplar ist die Ausstattung auf Vorder- und Rückseite deutlich unterschiedlich angeordnet. Auf der Vorderseite konzentrieren sich im oberen Bereich mehrere in Leder gefasste Spiegel, Kaurischnecken, Glocken und kleinere Amulette. Die Rückseite wird durch das große befestigte Horn bestimmt. Horn, Befestigung und das unmittelbar umliegende Gewebe sind von einer massiven dunklen und teilweise verkrusteten Ablagerung überzogen. Diese Konzentration auf ein einzelnes Kraftobjekt ist als Ergebnis wiederholter ritueller Behandlung zu verstehen. Das Horn wurde beopfert; die dabei aufgebrachten Substanzen haben sich im Laufe der Zeit zu einer ausgeprägten Opferkruste verdichtet und sind tief in das angrenzende Gewebe eingedrungen.

So war das Horn Teil des Schutzsystems des Jägers und wurde durch die rituelle Behandlung aktiviert beziehungsweise in seiner Wirksamkeit erneuert. Das Hemd war damit weit mehr als ein Kleidungsstück. Seine Kordeln, Amulette, Tierbestandteile und Kraftobjekte bildeten eine persönliche Schutzausstattung, deren Bedeutung sich aus dem erworbenen Wissen und der Erfahrung ihres Trägers ergab. Die starke Opferkruste auf der Rückseite dokumentiert zugleich, dass diese Wirksamkeit nicht allein in den angefügten Objekten gedacht wurde. Sie musste rituell erhalten und erneuert werden. Die unterschiedlichen Schichten, Verschmutzungen und Verkrustungen des Gewebes sind daher unmittelbare Spuren seiner wiederholten Verwendung innerhalb dieser Praxis.

Reich ausgestattete Jägerhemden wurden bei Zusammenkünften, Festen, Prozessionen und rituellen Anlässen der Jägervereinigungen getragen. Besonders ältere und erfahrene Jäger konnten Hemden besitzen, deren Oberfläche im Laufe ihres Lebens immer dichter mit Amuletten und Zeichen erworbenen Wissens besetzt wurde. Das vorliegende Exemplar bewahrt diesen über lange Zeit entstandenen Zusammenhang ungewöhnlich anschaulich: Gewebe, Amulette, tierische Materialien und die deutlich erhaltene Opferkruste bilden ein geschlossenes Zeugnis eines tatsächlich gebrauchten und rituell behandelten Jägergewandes. 

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