NEGORO – the quiet presence of red lacquer

Negoro-Lackwaren zählen zu den eindrucksvollsten Ausdrucksformen japanischer Gebrauchsästhetik. Ihre charakteristische Oberfläche entsteht durch das Zusammenspiel von schwarzem Unterlack und rotem Decklack. Mit der Zeit und durch den Gebrauch nutzt sich die rote Schicht stellenweise ab, sodass der dunkle Untergrund sichtbar wird. Auf diese Weise entstehen lebendige Oberflächen, die Spuren von Nutzung und Alter tragen und jedem Objekt einen eigenen Charakter verleihen.

Die Wurzeln roter Lackarbeiten reichen in Japan weit zurück. Archäologische Funde aus der Jōmon-Zeit (ca. 4500–3000 v. Chr.) belegen bereits die Verwendung von rotem Lack für zeremonielle Gegenstände und Schmuck. Über viele Jahrhunderte blieb Lack jedoch ein kostbares Material. Erst aus schriftlichen Quellen des 9. Jahrhunderts ist bekannt, dass buddhistische Tempel über umfangreiche Bestände roter Lackgefäße verfügten, die in größerer Zahl hergestellt wurden. Da kaum Beispiele dieser frühen Arbeiten erhalten geblieben sind, geben vor allem bildliche Darstellungen einen Eindruck ihrer Verwendung. Auf berühmten Bildrollen des 12. Jahrhunderts, etwa in Illustrationen zum Genji monogatari oder zu den Legenden des Shigisan-Tempels, erscheinen rote Lackwaren in aristokratischen Haushalten und zeremoniellen Zusammenhängen.

Die romanische Talkirche von Avers-Cresta. Im Schnee.

Mit der Ausbreitung neuer buddhistischer Schulen im 12. und 13. Jahrhundert entstanden große Tempelkomplexe mit zahlreichen Nebentempeln, Wohngebäuden und Pilgerunterkünften. Für den täglichen Gebrauch von Mönchen und Besuchern wurden große Mengen an Gefäßen, Tabletts und Ritualgeräten benötigt. In einigen Tempeln entwickelten sich daher eigene Werkstätten, in denen Lackarbeiten in größerer Zahl hergestellt wurden.

Der Negoro-Tempel (Negoro-ji) in der alten Provinz Kii gilt als eines der bedeutendsten Zentren dieser Produktion. In seinen Werkstätten entstanden seit der Kamakura-Zeit robuste und sorgfältig gearbeitete Lackgefäße für den klösterlichen Alltag. Der Name Negoro wurde später zum Sammelbegriff für diese Art von Lackarbeit und bezeichnet heute allgemein Objekte mit vergleichbarer formaler und handwerklicher Qualität, unabhängig von ihrem tatsächlichen Herstellungsort.

Die Herstellung roter Lackwaren hatte in Japan eine lange Tradition, doch erst im Mittelalter verbreiteten sie sich stärker als Gebrauchsgegenstände. Ein wichtiger Faktor war die zunehmende Verfügbarkeit von Zinnober (shu), dem Pigment, das dem Lack seine charakteristische rote Farbe verleiht. Mit wachsender Produktion und Handel wurde roter Lack allmählich zugänglicher, auch wenn er weiterhin ein wertvolles Material blieb.

Negoro-Lackwaren zeichnen sich durch eine klare, funktionale Formensprache aus. Gefäße, Schalen und Tabletts entstanden für den täglichen Gebrauch und wurden über lange Zeit verwendet. Ihre Wirkung beruht auf der Verbindung einfacher Formen mit der intensiven Farbigkeit von Rot und Schwarz sowie auf der warmen Ausstrahlung der lackierten Oberfläche. Das verwendete Holz als Grundmaterial verleiht den Objekten zusätzlich eine natürliche Präsenz.

Die Herstellung solcher Lackarbeiten erfordert zahlreiche Arbeitsschritte. Auf einen Holzkern werden mehrere Schichten Urushi-Lack aufgetragen, die jeweils trocknen, geschliffen und poliert werden. Häufig dient eine schwarze Lackschicht als Untergrund, über den der rote Decklack gelegt wird. Durch die Nutzung über viele Jahre treten an Kanten und stark beanspruchten Stellen die dunkleren Schichten unter dem Rot hervor. Auf diese Weise entstehen vielschichtige Oberflächen, die den Verlauf der Zeit sichtbar machen.

Abnutzungsspuren, feine Risse, sichtbare Pinselzüge im Lack oder Veränderungen im Holz gehören zu diesem Erscheinungsbild. Im ästhetischen Denken Japans wird solchen Spuren seit langem besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sie verweisen auf Alter, Gebrauch und Vergänglichkeit und stehen in enger Verbindung mit dem Begriff Wabi-Sabi, der die Schönheit des Schlichten, Unvollkommenen und Vergänglichen beschreibt.

Negoro-Lackwaren verbinden funktionale Klarheit mit einer besonderen Sensibilität für Material und Oberfläche. Ihre Formen sind schlicht und auf den Gebrauch ausgerichtet, während die Wirkung der Objekte sich im Laufe der Zeit entfaltet. Durch Nutzung, Alterung und die Eigenschaften des Lackes entstehen Oberflächen von großer Lebendigkeit, in denen sich handwerkliche Arbeit und die Spuren der Zeit miteinander verbinden. Gerade in dieser Verbindung liegt der besondere Reiz von Negoro-Lackarbeiten, der sie bis heute zu geschätzten Zeugnissen japanischer Gebrauchsästhetik macht.