Günter Dohr – Licht und Schicht

„In visueller Wahrnehmung wird eine Farbe beinahe niemals als das gesehen, was sie wirklich ist, das heißt als das, was sie physikalisch ist. Dadurch wird die Farbe zum relativsten Mittel der Kunst.“
Josef Albers

Günter Dohr (1936–2015) gehört zu den Künstlern, die sich seit den 1960er Jahren konsequent mit Licht, Farbe, Bewegung und Wahrnehmung auseinandersetzten. Nach seinem Studium an der Universität Münster und an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel, wo er unter anderem in der Malklasse von Arnold Bode studierte, entstanden ab Mitte der 1960er Jahre zunächst kinetische und statische Lichtobjekte. In diesen frühen Arbeiten wurde die Wahrnehmung des Betrachters selbst zu einem wesentlichen Bestandteil des Werkes: Farb- und Lichtwirkungen veränderten sich mit dem Standort und der Bewegung im Raum. Ende der 1960er Jahre kamen mechanisch bewegte Elemente hinzu, ab 1970 entwickelte Dohr Lichtobjekte mit elektronisch gesteuerten Farbveränderungen, deren Wirkung sich zunehmend über längere Zeiträume entfaltet. 1968 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Künstlergruppe B1, die sich im industriell geprägten Ruhrgebiet mit neuen Formen von Kunst, Architektur, Technik und öffentlichem Raum beschäftigte.

Seit 1970 entstanden parallel dazu zahlreiche architekturbezogene Arbeiten und Lichtkonzeptionen für den öffentlichen Raum. Dohr übertrug damit seine Untersuchungen von Licht, Farbe und Wahrnehmung aus dem autonomen Objekt in konkrete räumliche und städtebauliche Zusammenhänge. Zu diesen Arbeiten gehören Im Vorübergehen von 1993 im Fußgängertunnel des Krefelder Hauptbahnhofs, die Lichtinstallation Consol Gelb von 2000 am rund 53 Meter hohen Fördergerüst von Schacht 9 der ehemaligen Zeche Consolidation in Gelsenkirchen sowie spätere Projekte in Hamm und Siegen. In Consol Gelb markieren gelbe Natriumdampflampen und rote Leuchtstoffröhren die Konstruktion des historischen Fördergerüsts und verwandeln es nachts in eine weithin sichtbare Landmarke. Seit 1979 beschäftigte sich Dohr zugleich wieder intensiv mit Malerei; ab den frühen 1990er Jahren traten Arbeiten mit Kunstlicht erneut verstärkt hinzu. Lichtobjekt, Malerei und architekturbezogene Installation bilden damit innerhalb seines Werkes eng miteinander verbundene Bereiche einer über Jahrzehnte fortgeführten Untersuchung von Farbe, Raum und Sehen. Einzelausstellungen seiner Arbeiten fanden unter anderem 1975 im Städtischen Kunstmuseum Bonn, 1982 im Sprengel Museum Hannover und 1987 im Museum Folkwang in Essen statt. 1976 erhielt Dohr ein Stipendium des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie, 1988 ein Atelierstipendium der Djerassi Foundation in Kalifornien.

Von 1978 bis 1999 lehrte Günter Dohr als Professor für Objekt-Design am Fachbereich Design der Fachhochschule Niederrhein in Krefeld. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre war er dort auch mein Professor und begleitete mein Studium bis zum Abschluss. Ich habe ihn in dieser Zeit als einen zurückhaltenden, sanften und außerordentlich zugewandten Menschen erlebt. Seine ruhige, konzentrierte Art ist mir bis heute ebenso gegenwärtig wie die große Konsequenz, mit der er in seinem künstlerischen Werk den Möglichkeiten von Licht und Farbe nachging.

Arbeiten von Günter Dohr finden Sie unter der Rubrik Contemporary Art.

Die romanische Talkirche von Avers-Cresta. Im Schnee.
Eine Skulptur von Abraham David Christian befindet sich temporär in einer Mauernische der Kirche von Avers-Cresta.

Günter Dohr im Kunstraum Pilsum

Eröffnungsrede, gehalten von André Kirbach, Pilsum, 27. Juni 2026

Liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde der Galerie,

beginnen möchte ich mit einem Satz von Johann Wolfgang von Goethe. In seiner Farbenlehre heißt es:

„Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden.“

Das ist ein schöner, aber auch ein etwas rätselhafter Satz. Goethe sagt damit: Farbe ist nicht einfach nur etwas, das irgendwo vorhanden ist. Farbe entsteht. Sie geschieht. Sie braucht Licht, sie braucht ein Gegenüber, sie braucht Bedingungen. Und vor allem braucht sie ein Auge, das sie wahrnimmt.

Goethe hat die Farbe nicht nur naturwissenschaftlich betrachtet. Für ihn war Farbe auch eine Erfahrung. Sie hat mit Sehen zu tun, aber auch mit Empfinden. Mit Nähe und Ferne. Mit Helligkeit und Dunkelheit. Mit dem, was zwischen dem Licht und uns geschieht.

Damit sind wir schon sehr nahe bei Günter Dohr.

Denn auch Günter Dohr hat sich über Jahrzehnte mit genau diesen Fragen beschäftigt: Was ist Licht? Was ist Farbe? Wie erscheint Farbe? Wie verändert sich Farbe im Raum, auf einer Fläche, in unserem Blick? Und was geschieht eigentlich, wenn wir sehen?

Der Titel dieser Ausstellung lautet ‚Licht und Schicht‘. Er ist bewusst einfach gehalten. Und doch beschreibt er sehr genau, worum es in Dohrs Werk geht.

Es geht um Licht.
Es geht um Farbe.
Es geht um Schichten.
Und es geht um Wahrnehmung.

Günter Dohr wurde 1936 in Münster geboren und starb 2015 in Krefeld. Er studierte zunächst in Münster und später an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste in Kassel, unter anderem bei Arnold Bode. Kassel war damals ein besonderer Ort. Die documenta hatte gerade begonnen, die internationale Kunst der Nachkriegszeit nach Deutschland zu bringen. Abstraktion, Farbe, Raum, neue Materialien und neue Formen des Sehens waren dort unmittelbar gegenwärtig.

Dohr kam aus der Malerei. Aber schon in den 1960er Jahren wandte er sich sehr entschieden dem Licht zu. Er entwickelte Lichtobjekte und kinetische Arbeiten. Das heißt: Arbeiten, in denen Bewegung eine Rolle spielt – manchmal durch technische Steuerung, manchmal aber auch einfach dadurch, dass der Betrachter sich bewegt.

Das ist ein wichtiger Punkt.

Denn Bewegung meint bei Günter Dohr nicht nur etwas Technisches. Sie entsteht auch im Sehen selbst. In der Art, wie wir vor einem Werk stehen, wie wir uns nähern, wie wir den Abstand verändern, wie unser Blick wandert – und wie lange wir schauen.

1969 gehörte Dohr zu den Mitbegründern der Künstlergruppe B1. Diese Gruppe arbeitete im Ruhrgebiet und interessierte sich besonders für neue Formen der Kunst im öffentlichen Raum, für Industrie, Technik, Bewegung und Wahrnehmung. Auch das passt sehr gut zu Dohr. Er war ein Künstler, der die technischen Mittel seiner Zeit nicht scheute. Leuchtröhren, Transformatoren, Plexiglas, Metall, elektrische Steuerungen – all das konnte bei ihm künstlerisches Material werden.

Ich selbst habe Günter Dohr in der ersten Hälfte der 1990er Jahre als Lehrer erlebt. Günter Dohr war ein sehr zurückhaltender, sanfter Mensch. Bei uns Studierenden war er sehr beliebt, gerade weil er den Kontakt nie gescheut hat. Man begegnete ihm nicht nur im Seminar oder in der Werkbesprechung. Man aß gemeinsam zu Mittag, diskutierte, fuhr zusammen irgendwohin, tauschte sich aus. Er war präsent, aufmerksam und zugewandt – auf eine leise, ganz unaufdringliche Weise.

Vielleicht erklärt das auch etwas von seiner Kunst. Auch sie drängt sich nicht auf. Sie sucht nicht den großen Auftritt. Sie braucht Nähe, Zeit und Aufmerksamkeit.

Aber das Entscheidende ist: Bei Dohr dient die Technik nie dem Effekt. Sie soll nicht beeindrucken, nicht blenden, nicht überwältigen. Sie soll etwas sichtbar machen. Sie ist Teil der Sache.

Man könnte sagen: Günter Dohr benutzt Licht nicht, um Dinge zu beleuchten. Er macht das Licht selbst sichtbar.

Das klingt zunächst paradox. Denn Licht ist ja eigentlich das, womit wir sehen. Wir sehen normalerweise die Dinge, die vom Licht getroffen werden: eine Wand, einen Tisch, ein Gesicht, ein Bild. Dohr aber lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Licht selbst. Auf sein Strahlen. Auf seine Ausbreitung. Auf seine Farbe. Auf seine Veränderung im Raum.

In seinen Lichtobjekten wird Licht zu einem eigenen Material. Es liegt nicht einfach auf der Oberfläche. Es tritt hervor, es breitet sich aus, es färbt Wand und Umgebung, es verändert den Raum. Man steht also nicht nur vor einem Objekt. Man steht in einer Situation.

Und diese Situation verändert sich.

Das liegt zum Teil an den Arbeiten selbst. Es liegt aber auch an uns. Wenn wir länger vor einem Lichtobjekt stehen, verändern sich unsere Augen. Sie gewöhnen sich an eine Helligkeit, an eine Farbe, an eine Dunkelheit. Was zuerst klar erscheint, wird nach einer Weile unbestimmter. Was zuerst hart wirkt, beginnt zu schweben. Eine Farbe wird stärker, eine andere tritt zurück. Der Raum bekommt eine andere Tiefe.

Dohrs Kunst verlangt deshalb Zeit.

Sie erschließt sich nicht im schnellen Vorübergehen. Sie möchte nicht nur angeschaut werden, sie möchte erfahren werden. Man muss stehen bleiben. Man muss zulassen, dass sich etwas verändert. Das ist vielleicht eine der schönsten Eigenschaften dieser Arbeiten: Sie machen uns langsamer.

Ende der 1970er Jahre wandte sich Günter Dohr erneut intensiv der Malerei zu. Das ist kein Bruch in seinem Werk. Im Gegenteil. Die Malerei führt das weiter, was ihn auch in den Lichtobjekten beschäftigt hat.

Auch in den Gemälden und Aquarellen geht es um Licht und Farbe. Aber nun geschieht alles auf der Fläche. Farbe wird aufgetragen, verdünnt, geschichtet, teilweise wieder zurückgenommen. Sie verdichtet sich, sie löst sich auf, sie bleibt transparent, sie scheint durch. Oft wirken die Bilder zunächst sehr ruhig. Manche fast monochrom, also einfarbig. Aber wenn man länger schaut, merkt man, wie viel darin geschieht.

Es sind keine Bilder, die etwas erzählen. Sie zeigen keine Landschaft, keine Figur, kein Ereignis. Und doch sind sie nicht leer.

Sie zeigen Farbe in einem Zustand der Bewegung.
Sie zeigen Farbe, die erscheint.
Farbe, die sich zurückzieht.
Farbe, die Licht aufnimmt und wieder abgibt.

Der Kunsthistoriker Bernhard Kerber hat über Dohrs Bilder von 1986 geschrieben, diese Malerei oszilliere zwischen Gestalt und Auflösung. Das ist sehr treffend. Man sieht Formen, aber sie werden nicht fest. Man sieht Farbfelder, aber sie bleiben schwebend. Man sieht etwas, das sich dem Auge anbietet und sich zugleich entzieht.

Gerade darin liegt ihre Spannung.

Dohr malt nicht laut. Er malt nicht expressiv im Sinne einer großen Geste. Seine Bilder sind zurückgenommen. Sie haben etwas Verhaltenes. Aber dieses Verhaltene ist nicht schwach. Es ist konzentriert. Es geht um Genauigkeit. Um kleine Unterschiede. Um das Verhältnis eines Tons zum anderen. Um die Frage, wie viel Farbe nötig ist, damit ein Bild zu leuchten beginnt.

Günter Dohr arbeitet im Grunde immer mit zwei Arten von Licht. Da ist zum einen das Licht, das auf eine Fläche fällt – wie bei einem Gemälde. Und da ist zum anderen das Licht, das durch eine Fläche hindurchscheint – wie bei einem Leuchtkasten oder Lichtobjekt.

Das ist für diese Ausstellung besonders wichtig.

Denn wir zeigen hier Lichtobjekte, Gemälde und Aquarelle zusammen. Dadurch kann man sehen, wie eng diese Bereiche miteinander verbunden sind. Die Lichtobjekte sind keine bloße technische Erweiterung der Kunst. Und die Gemälde sind keine einfache Rückkehr zur klassischen Malerei. Beides gehört zusammen.

In den Lichtobjekten wird Farbe zu Licht.
In den Gemälden wird Licht aus Farbe gedacht.

Vielleicht ist das ein guter Satz für diese Ausstellung: Günter Dohr denkt das Licht aus der Farbe heraus.

Und damit kommen wir noch einmal zu Goethe zurück:

„Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden.“

Bei Goethe ist Farbe ein Geschehen zwischen Licht und Dunkel, zwischen Welt und Auge. Bei Dohr ist sie ebenfalls ein Geschehen. Sie entsteht nicht nur auf der Leinwand oder in der Leuchtröhre. Sie entsteht im Raum. Sie entsteht im Sehen. Sie entsteht in der Zeit, die wir einem Werk geben.

Unsere Ausstellung heute ist keine laute Ausstellung. Sie will keine großen Geschichten erzählen. Sie möchte den Blick schärfen. Sie möchte zeigen, wie reich ein scheinbar einfaches Phänomen sein kann: Licht trifft auf Farbe. Farbe legt sich in Schichten. Ein Raum verändert sich. Ein Bild beginnt zu leuchten. Und wir merken, dass Sehen nichts Selbstverständliches ist.

Vielleicht liegt gerade darin die Aktualität von Günter Dohr.

Wir leben in einer Welt, in der Bilder schnell geworden sind. Wir sehen jeden Tag unzählige Bilder. Viele erscheinen nur für Sekunden. Sie wollen sofort verstanden werden, sofort wirken, sofort weitergeschickt werden.

Dohrs Arbeiten tun das Gegenteil.

Sie bleiben.
Sie warten.
Sie fordern keine schnelle Reaktion.
Sie laden ein, genauer hinzusehen.

Und vielleicht ist das eine Erfahrung, die wir heute besonders brauchen: die Erfahrung, dass ein Bild nicht alles sofort preisgeben muss. Dass Farbe Zeit braucht. Dass Licht Zeit braucht. Dass auch unser Sehen Zeit braucht.

Ich freue mich sehr, dass wir diese Arbeiten hier im Kunstraum Pilsum zeigen können. Gerade dieser Ort, mit seiner Ruhe und seiner besonderen Lage, ist für Günter Dohrs Werk gut geeignet. Denn auch Pilsum ist ein Ort des Lichts. Das Licht hier an der Küste ist nie ganz gleich. Es verändert sich mit dem Wetter, mit den Wolken, mit der Tageszeit, mit dem Wind. Man kennt das: Ein grauer Himmel kann plötzlich aufreißen, und für einen Moment liegt eine ganz andere Farbe über der Landschaft.

Auch Dohrs Arbeiten leben von solchen Veränderungen. Nicht als Naturbild, nicht als Landschaft, sondern als reine Erfahrung von Licht und Farbe.

Ich lade Sie und euch deshalb ein, sich Zeit zu nehmen. Gehen Sie nah heran. Treten Sie wieder zurück. Bleiben Sie vor den Arbeiten stehen. Achten Sie darauf, wie sich die Farben verändern, wie sie sich verdichten, wie sie heller oder dunkler werden, wie sie im Raum wirken.

Günter Dohr hat keine Kunst geschaffen, die man mit einem einzigen Blick erfassen kann. Seine Kunst beginnt dort, wo der erste Blick nicht genügt.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine und eine gute Begegnung mit den Arbeiten von Günter Dohr.