Hannah Schemel – KIGEN und UMI
Kigen – Ursprung. Umi – Meer. Zwei japanische Worte bezeichnen zwei Landschaften, zu denen Hannah Schemel seit Jahren immer wieder zurückkehrt. Kigen hat seine Form im nördlichen Schwarzwald gefunden, in jener Landschaft, aus der die Künstlerin stammt und in der sich heute ihr Atelier befindet. Umi führt an die Atlantikküste der Bretagne. Seit vielen Jahren reist Schemel dorthin, um ihre Arbeit am Meer fortzusetzen. Beide Werkgruppen sind über lange Zeit gewachsen. Mit jeder Rückkehr entstehen neue Bilder, neue Wahrnehmungen und neue Erfahrungen derselben Orte.
Arbeiten von Hannah Schemel finden Sie unter der Rubrik Contemporary Art.
Der japanische Titel Kigen bedeutet Ursprung oder Herkunft. Für Hannah Schemel besitzt diese Bezeichnung eine unmittelbare biografische Dimension. Der Schwarzwald ist vertrauter Raum, ein Ort, dessen Landschaft sie seit ihrer Kindheit kennt und bis heute immer wieder fotografisch aufsucht. Die Bilder zeigen Wald, Nebel, Lichtungen, einzelne Bäume oder nur schemenhafte Strukturen. Häufig entzieht sich der Raum einer eindeutigen Orientierung. Nähe und Ferne beginnen ineinander überzugehen, Konturen lösen sich auf, einzelne Formen treten umso stärker hervor. In Umi verschiebt sich der Blick an die Atlantikküste. Wasser, Horizont, Wolken und Licht bilden ein reduziertes Vokabular, das sich von Aufnahme zu Aufnahme neu ordnet. Das Meer erscheint einmal beinahe unbewegt, dann als offene, kaum begrenzbare Fläche; zuweilen gehen Himmel und Wasser fast vollständig ineinander über.
Die Konzentration auf wenige Motive gehört wesentlich zu Hannah Schemels Arbeitsweise. Ihre Fotografien entstehen mit einer analogen Großformatkamera und verlangen ein langsames, genaues Sehen. Jede Aufnahme ist Teil eines längeren Prozesses von Beobachtung, Auswahl und Entscheidung. Dieses konzentrierte Arbeiten setzt sich in der Herstellung der Werke fort. Die Künstlerin verwendet das Platin-Palladium-Verfahren, eines der aufwendigsten fotografischen Edeldruckverfahren. Die lichtempfindliche Emulsion wird von Hand auf das Papier aufgetragen. Als Bildträger dient handgeschöpftes Büttenpapier, dessen Fasern und Oberflächenstruktur sichtbar bleiben und sich mit dem fotografischen Motiv verbinden.
Die für das Platin-Palladium-Verfahren charakteristische feine Abstufung der Grau- und Schwarztöne verleiht den Arbeiten eine besondere Tiefe. Das Bild scheint in das Papier eingesunken zu sein. Die Oberfläche bleibt matt, weich und offen. Manche Arbeiten erinnern dadurch an Zeichnungen oder an japanische Tuschemalerei. Große helle Flächen stehen neben tiefen Schwarztönen, feine Übergänge neben klar gesetzten Formen. Vieles bleibt angedeutet und lässt Raum für Erinnerung und Vorstellung. Jede dieser Platin-Palladium-Arbeiten ist ein Unikat.
Japan spielt in Hannah Schemels künstlerischem Denken eine wichtige Rolle. Aufenthalte dort und die Beschäftigung mit japanischer Kunst, Literatur und Wahrnehmungskultur haben ihre Arbeit nachhaltig geprägt. Leere, Andeutung und die Konzentration auf wenige Elemente, wie sie in der historischen japanischen Malerei eine wichtige Rolle spielen, begegnen auch in Hannah Schemels Fotografien immer wieder.
Der Schwarzwald und die bretonische Atlantikküste bleiben dabei reale, konkrete Orte. Zugleich öffnen sich die Fotografien weit über ihre topografische Beschreibung hinaus. Wald und Meer werden zu Bildräumen, in denen Erinnerung, Zeit und Wahrnehmung ineinandergreifen. Kigen und Umi bilden so zwei eng miteinander verbundene Werkgruppen innerhalb von Hannah Schemels Schaffen – Bilder von großer Ruhe und Konzentration.