Heiner Koch (geb. 1947)

„Die Wahrheit ist hässlich. Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“
Friedrich Nietzsche

Immer, wenn ich Heiner Koch in seinem alten Fachwerkhaus besuchte, begegnete ich dort einer stillen, sehr eigenen Welt. In den Räumen standen und hingen Dinge aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen: afrikanische Figuren, asiatische Objekte, Votivbilder, eigene Arbeiten. Nichts wirkte zufällig. Alles schien seinen Ort zu haben – nicht im Sinne einer starren Ordnung, sondern als Teil eines geistigen und sinnlichen Zusammenhangs.

Heute leben die Kochs nicht mehr in diesem Haus. Die Räume sind leer, die Dinge haben sich verstreut. Und doch ist etwas von diesem Ort geblieben: die Stille, die Ordnung, die geistige Sammlung. Was dort über Jahre gewachsen ist, hat sich nicht aufgelöst. Es ist gegenwärtig in der Kunst von Heiner Koch.

Ich vertrete Heiner Koch seit vielen Jahren und fühle mich seinem Werk tief verbunden. Es ist geprägt von Ernsthaftigkeit, handwerklicher Erfahrung, geistiger Tiefe und einer großen Achtung vor dem Material. Seine Kunst bewegt sich zwischen Skulptur, Zeichnung, Malerei und Objekt. Sie sucht nicht die schnelle Wirkung, sondern jene innere Präsenz, die sich erst im längeren Betrachten zeigt.

Ausgehend von seiner Ausbildung zum Fotogravurzeichner und dem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Rolf Sackenheim und Joseph Beuys entwickelte Koch eine eigenständige, unverwechselbare Bildsprache. Sie ist reduziert, archaisch und zugleich sensibel. Über Jahrzehnte arbeitete er mit Holz, Stein, Terrakotta, Wachs, Bronze, Eisen, Pigment, Gold und Erde – Materialien, deren Spuren, Widerstände und Verletzlichkeiten sichtbar bleiben.

Ein zentrales Thema seines Schaffens ist die Körperlichkeit. Koch bildet den menschlichen Körper nicht im klassischen Sinn ab; vielmehr entstehen Formen, die an Leib, Rumpf, Kopf, Hülle oder Kern erinnern. Besonders verdichtet sich dieses Denken in seinen Laib-Arbeiten: Der Brotlaib erscheint hier nicht als bloßes Motiv, sondern als elementare Form zwischen Nahrung, Körper, Erde und Zeichen. Im Laib berühren sich das Alltägliche und das Sinnbildliche, das Plastische und das Existentielle. „Plastik ist historisch bedingte leibhaftige Wahrheit“, sagte einst Johann Gottfried Herder. Gerade aus dieser Spannung beziehen viele Arbeiten Kochs ihre besondere Intensität.

Viele seiner Skulpturen und Objekte besitzen eine stille, beinahe kultische Präsenz. Kochs lebenslanges Interesse an afrikanischer Plastik, Volkskunst und asiatischen Artefakten ist dabei bedeutsam – nicht als Nachahmung, sondern als Faszination für Direktheit, Reduktion, handwerkliche Kraft und spirituelle Ausstrahlung.

Auch die Zeichnungen nehmen in seinem Werk eine wichtige Stellung ein. In ihnen verdichten sich Zeichen, Figuren, landschaftliche und kosmische Motive zu einer Bildsprache zwischen Geste, Symbol und innerer Landschaft. Die Tafelbilder und Bildobjekte wiederum erzeugen durch Schichtungen, monochrome Flächen, Gold- oder Silbergründe, hintermalte Gläser und geschlossene Bildräume eine Atmosphäre von Zurückhaltung und Sammlung.

Heiner Kochs Werk ist geprägt von Reduktion, aber nicht von Kargheit. Es ist still, aber nicht leer. Es verbindet handwerkliche Erfahrung mit geistiger Tiefe, archaische Form mit zeitgenössischer Sensibilität und persönliche Herkunft mit einem weiten Blick auf unterschiedliche Kulturen. Seine Arbeiten führen den Betrachter an einen Punkt, an dem das Sichtbare und das Verborgene einander berühren. (AK)

Arbeiten von Heiner Koch finden Sie unter der Rubrik Contemporary Art.

Die romanische Talkirche von Avers-Cresta. Im Schnee.

Foto: Uwe Piper

Eine Skulptur von Abraham David Christian befindet sich temporär in einer Mauernische der Kirche von Avers-Cresta.

Interview mit Heiner Koch

geführt von Claudia Posca, Mönchengladbach, 1. Juni 2017

C.P. Bevor Du 1969 Dein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie aufgenommen hast, bist Du zum Fotogravurzeichner ausgebildet worden. Was hat Dich bewogen, nach der Lehre zur Bildenden Kunst zu wechseln?

H.K. Zeichnen und Malen waren mir immer ein besonderes Anliegen, das ich schon als Kind und Jugendlicher mit Hingabe praktiziert habe. Daraus hat sich dann ein erstes Berufsbild ergeben, nämlich eine handwerkliche Ausbildung im graphisch-künstlerischen Gewerbe. Da ich schon während meiner Schulzeit beschlossen hatte, Bildende Kunst zu studieren, insbesondere die Freie Graphik, also Zeichnung und Druckgraphik, war die dreijährige Lehrausbildung zum Fotogravurzeichner, Abschluss mit Gesellenbrief, eine konkrete handwerkliche Vorbereitung für die Aufnahme an der Kunstakademie in Düsseldorf. Da das freie künstlerisch-handwerkliche Arbeiten mir Freude, Genugtuung, Lebenssinn und Freiheit brachte, war ich entschlossen, auf diesem Weg weiterzugehen und trotz aller Risiken eine Profession daraus zu machen.

C.P. In den späten 1960er Jahren hast Du Deine Ersatzdienstzeit in einer sogenannten Siechenstation in Aachen abgeleistet. Hat das Deinen Werdegang geprägt?

H.K. Meine Ersatzdienstzeit, die ich im Aachener Alexianerkrankenhaus auf der Siechenstation ableisten musste, war durchaus beeindruckend. Es waren erste komplexe Erfahrungen mit verlöschendem Leben, also Krankheit, Alter, Behinderung, Wahnsinn und Tod. Mit Sicherheit hat mich diese Erfahrung geprägt, geistig wie seelisch und letztendlich – wie auch immer – haben diese starken Erlebnisse meine künstlerische Arbeit beeinflusst. Diese kurze Arbeitszeit als Hilfskrankenpfleger hat Einblicke in das menschliche Sein ermöglicht, die im normalen alltäglichen Ablauf so nicht möglich gewesen wären. Es waren also Erfahrungen und Erkenntnisse mit nachhaltiger Wirkung.

C.P. Wie bist Du zur Bildhauerei gekommen? An der Düsseldorfer Kunstakademie hast Du doch zunächst Freie Graphik in der Klasse von Prof. Rolf Sackenheim studiert?

H.K. Nachdem ich fünf Semester in der Klasse für Freie Graphik bei Rolf Sackenheim gelernt hatte, war ich neugierig auf die Beuysklasse, zu der ich mit Einwilligung von Joseph Beuys wechselte. Rolf Sackenheim hatte mir empfohlen, mich anderweitig umzuschauen, sozusagen als Horizonterweiterung. Durch den Klassenwechsel bin ich mit plastisch-bildnerischen Fragestellungen, zum Beispiel dem erweiterten Kunstbegriff, in Konfrontation gekommen, was meinem damaligen Interesse durchaus entsprach. Über das experimentelle Suchen bin ich letztendlich zur klassischen Bildhauerei und Plastik gekommen.

C.P. Von Dir so genannte Laib-Skulpturen sind ein wichtiger „Block“ in Deinem Schaffen. Auf dem zeitgenössischen Kunstparkett sind sie einzigartig: Brot und Körperlichkeit. Welchen Bezug zwischen ihnen siehst Du? Wie bist Du zu diesem Thema gelangt?

H.K. Wie ich zu den Brot-Laib-Plastiken gefunden habe, kann ich nicht mehr konkret nachvollziehen. Fakt ist, dass ich 1972 mit diesen Arbeiten in der Beuysklasse begonnen habe, was auch vom Professor honoriert wurde. Das Plastisch-Körperliche von Broten fasziniert mich bis auf den heutigen Tag, deswegen bewundere ich nach wie vor einfache, klassische Brotformen. Sie haben für mich Seele und Landschaft. Das Herstellen des Brotes – des Laibes aus Teig – ist ja schon ein plastischer Prozess. Wenn der Bäcker einen Brotlaib erschafft, ist dieser Laib ein Lebensmittel mit einer sehr schönen plastischen Form. Erst durch die plastisch-skulpturale Transformation wird aus einem Brot eine künstlerische Form und ein Kunstwerk. Einfache, elementare Formen und Dinge haben schon früh mein Interesse geweckt. Später konnte ich mich darauf beziehen und sie als Basis für meine künstlerische Arbeit nutzen.

C.P. Prof. Reinhard Hoeps, der an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Systematische Theologie lehrt, hat Deine Kunst unter dem Gesichtspunkt einer Relation zwischen Laib und Leib in einen theologischen Zusammenhang gestellt. Du bist protestantisch erzogen worden. Gibt es aus Deiner Sicht diesen Kontext von Religion und bildnerischer Gestaltung in Deinem Werk, auch vor dem Hintergrund Deiner Biografie?

H.K. Es mag in meinem Werk einen religiös-spirituellen Hintergrund geben, aber der ist nicht direkt sichtbar. Da ich aus einer alten, evangelisch-reformierten Familientradition komme, bin ich mit religiösen Bildern und Zeichen nicht aufgewachsen, weder in der Familie noch in der Kirche, welche ausschließlich weiße Wände hatte und noch immer hat. Schon als Student begann ich mich für christlich-europäische Kunst und außereuropäische – hauptsächlich Stammeskunst, Tribal Art – zu interessieren, mit dem Schwerpunkt auf Volkskunst und afrikanischer Stammeskunst.

C.P. Übt das religiöse Brauchtum eine Faszination auf Dich aus?

H.K. Kirchlicher Kultus und religiöses Brauchtum, bezogen auf die römisch-katholische Kirche, ist ein Gesamtkunstwerk von beeindruckender Komplexität, das mich als Nichtkatholiken stark bewegt hat und mir auch heute noch nahe geht.

C.P. Du bist ein passionierter Sammler afrikanischer Bildhauerei. Was fasziniert Dich an der außereuropäischen Ästhetik?

H.K. Formensprache, Ausdruck, Handwerklichkeit und spirituelle Kraft – nicht nur der afrikanischen Plastik – haben mich, gerade in meinen künstlerischen Lebensanfängen, regelrecht überrannt. Ein „Virus“, das nicht zu beruhigen war. Immer neue Entdeckungen ließen dieses außerordentliche Faszinosum nicht abklingen, diese für mich neue und einzigartige Welt hat mich nicht mehr losgelassen. Parallel zu dieser neuen Welt entdeckte ich die volkstümlich-christliche Kunst in all ihrer Direktheit und Überzeugungskraft. Beide Positionen, die volkstümlich-christliche und die heidnisch-außereuropäische, haben für mich zum Teil verblüffende Verwandtschaften: nämlich in ihrer plastisch-skulpturalen Direktheit, Reduktion und der sinnlich-spirituellen Aura.

C.P. Stichwort: Volkskunst, Tribal Art. Warum ist sie Dir so wichtig?

H.K. Beide, Volkskunst und Tribal Art, waren und sind für mich eine Gegenwelt zum kapitalistisch-konsumistischen Wahnsinn unserer Zeit. Nicht nur das Sammeln von fremden Artefakten, sondern vor allem das eigene künstlerische Schaffen bildet einen Freiraum oder Gegenraum zu Banalität und Geistlosigkeit, zu Routine und Verdummung im Getriebe des Alltags.

C.P. Welche Künstler, welche Kunstrichtungen würdest Du als wichtige Orientierungspunkte für Dein bildnerisches Schaffen nennen?

H.K. Als Nachkriegsjahrgang, geboren 1947, bin ich zuerst auf den Surrealismus gestoßen, auch ein Faszinosum. Später kam dann explizit das Werk von Constantin Brâncuși hinzu, vielleicht mein künstlerischer Großvater. Direkte Einflüsse entwickelten sich durch meine Professoren: Rolf Sackenheim, dessen Meisterschüler ich später wurde, und natürlich Joseph Beuys.

C.P. Du hast einige Semester bei Prof. Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. War Dir Joseph Beuys ein wichtiger Mentor?

H.K. Joseph Beuys war für mich nicht nur ein wichtiger Mentor, sondern auch ein nicht zu unterschätzender Katalysator. Durch ihn ist vieles Innere und Äußere angestoßen worden. Es waren durchaus prägende Erfahrungen, die meinen Blick, meinen Horizont und mein Bewusstsein erweitert haben.

C.P. Für mich ist Deine Kunst von einer Aura des tendenziell Melancholischen umgeben. Du bist Niederrheiner, denen man nachsagt, sie seien introvertiert, nachdenklich. Würdest Du da einen Zusammenhang bestätigen?

H.K. Höchstwahrscheinlich ist das so, aber ich will Niederrhein, Melancholie und Introvertiertheit nicht überbewerten. Auch Beuys war Niederrheiner, vielleicht verbindet uns das.

C.P. 1987 bist Du auf Einladung des Morat-Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft, Freiburg im Breisgau, für einen mehrmonatigen Arbeits- und Studienaufenthalt nach Ligurien/Italien gegangen. Was hat dieser Aufenthalt bewirkt? Hat Italien möglicherweise Spuren in Deiner Bildsprache hinterlassen?

H.K. Franz Armin Morat, dem Gründer des Morat-Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft, habe ich viel zu verdanken. Auch er hat mich unterstützt, gefördert und meinen Horizont beträchtlich erweitert, auch er ist ein wichtiger Katalysator. Durch ihn bin ich als Stipendiat an das „Internationale Zentrum für experimentelle Kunst“ (Centro Internazionale di Sperimentazione Artistica) nach Boissano in Ligurien/Italien gekommen. Die Erfahrung des mediterranen Lichts, der Landschaft und der Lebensweise haben mich beflügelt und „entrückt“. Die künstlerische Arbeit erfuhr eine neue Dimension, eine neue Leichtigkeit; Farben und Gemüt hellten sich deutlich auf. Zu einer neuen, anderen Bildsprache hat dieser Arbeits- und Lebensaufenthalt letztendlich nicht geführt. Vielleicht ist der Niederrhein, wo ich aufgewachsen bin und heute noch lebe, doch prägender.

C.P. Ab 1989 bis 2012 hattest Du die künstlerische Leitung des Bereiches Bildende Kunst im Musischen Zentrum an der Ruhr-Universität Bochum inne. Was war Dir dort wichtig? Wie blickst Du auf diese Zeit zurück?

H.K. Dreiundzwanzig Jahre leitete ich den Bereich Bildende Kunst am Musischen Zentrum der RUB, bestehend aus den Abteilungen Zeichnung/Druckgraphik, Malerei und Bildhauerei/Plastik. Um eine solche komplexe Aufgabe bewältigen zu können, muss man Generalist sein und Horizonte vor Augen haben, die Kunst und Leben verbinden, eine Aufgabe, die nur mit Geduld und Ausdauer zu bewältigen ist. Aber das gilt ja für alle Kunst. Da ich als nicht privilegierter Kunstschaffender, avec toute la famille, überleben musste, war diese einmalige Aufgabe eine gute Fügung.

C.P. Es fällt auf, dass Reduktion und Vereinfachung in Deinem Spätwerk eine zunehmend bedeutsame Rolle spielen. Ist das das folgerichtige Resultat eines reflektiert vorangetriebenen, bildnerischen Prozesses? Zumal Dein Interesse in der letzten Zeit der japanischen Ästhetik gilt, die bekannt ist für ihre puristische, formvollendete und handwerklich meisterliche Bildsprache.

H.K. Die Kultur Japans beschäftigt mich seit den späten siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts und hat in den letzten 15 Jahren eine Intensivierung erfahren, die mit zunehmender Veränderung meiner Kunst- und Lebenspositionen zu tun hat. Die Strenge und die handwerkliche Perfektion von japanischen Artefakten hat schon immer meine größte Hochachtung hervorgerufen. Besonders lieb sind mir Objekte und Malereien, die vom Zen-Buddhismus beeinflusst sind.

C.P. Das, was derzeit unter dem Stichwort „Entsammeln“ und vor dem Hintergrund zunehmend leerer Stadtkassen ein aktuelles kulturpolitisches Thema ist, hast Du in radikaler Weise für Dein eigenes Werk vorweggenommen. Warum war Dir ein persönliches Entsammeln wichtig?

H.K. In den letzten zehn Jahren ist das Entsorgen und Entsammeln zu einer der wichtigsten Aufgaben geworden, ein zum Teil schmerzhafter Prozess, der unbedingt kompromisslos durchgestanden werden muss. Das schöne Märchen „Hans im Glück“ der Brüder Grimm hat für mich eine tragende und versöhnende Bedeutung. Es ist mir absolut bewusst, dass nichts für die Ewigkeit geschaffen ist, letztendlich alles Materielle zu einem Ballast wird, der, soweit es mir möglich ist, rechtzeitig abgeworfen werden muss. Alles ist Eitel – alles ist Wind.