Hede Bühl (geb. 1940)
Gestürzte, ca. 1965
Blei
17 x 39 x 39 cm
Werkverzeichnis 1965.3
Preis auf Anfrage
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Mit Gestürzte begegnet uns eine Hede Bühl am Beginn ihres Weges — und doch schon mit erstaunlicher künstlerischer Sicherheit. Die Bleiskulptur entstand um 1965, noch in ihrer Düsseldorfer Zeit, und trägt bereits jene Verdichtung in sich, die ihr späteres Werk so eindringlich macht.
Zwei Figuren sind eng ineinandergefügt. Die vordere ruht mit der rechten Schulter auf ihrem Engelsflügel. Aus dieser stillen, konzentrierten Konstellation wächst die ganze Spannung der Arbeit: Der Engel ist gefallen, der Flug vergangen, und in der Schwere des Bleis wird der Sturz zu einer plastischen Erfahrung von großer Intensität. Nähe und Last, Schutz und Ausgesetztheit, Zartheit und Schwere liegen hier auf engem Raum beieinander.
Was diese Skulptur so besonders macht, ist die Beziehung der beiden Körper. Die hintere Figur scheint die vordere zu halten, fast zu beschützen, sie an sich zu ziehen und dem Fall einen letzten Halt entgegenzusetzen. Darin liegt eine große Innigkeit. Die Gruppe wirkt in sich geschlossen, fast geborgen, und zugleich von einer tiefen Erschütterung durchzogen. Gerade aus dieser Spannung bezieht das Werk seine Wirkung. Es zeigt Fall und Fürsorge zugleich.
Der Engelsflügel verstärkt diese Ambivalenz auf eindringliche Weise. Er gehört noch einer Sphäre des Erhabenen an, ist aber längst in die Schwerkraft der Welt zurückgezogen. Im Blei verliert er jede Leichtigkeit und wird selbst Teil der körperlichen Last. Gerade dadurch gewinnt das Motiv seine Modernität: Der Engel erscheint als verletzliches Wesen, der Sturz als Zustand, in dem Nähe zur letzten Form des Schutzes wird.
In dieser frühen Arbeit ist bereits vieles von dem angelegt, was Hede Bühl später mit großer Konsequenz verfolgen wird: der menschliche Körper als Ort von Verletzlichkeit, Bindung, Last und innerer Spannung. Gestürzte besitzt darüber hinaus die besondere Qualität eines Frühwerks, in dem die eigene Sprache schon hörbar wird. Die Plastik wirkt gesammelt, konzentriert und von innen heraus bewegt. Sie braucht keine Geste des Pathos, weil ihre Form alles enthält.
Somit ist Gestürzte weit mehr als eine frühe Arbeit. Die Skulptur erscheint wie ein Schlüsselwerk, weil sie schon Mitte der 60er Jahre jene seltene Verbindung erreicht, die große Bildhauerei auszeichnet: formale Präzision, seelische Dichte und eine Bildidee, die über das Sichtbare hinausweist. Was bleibt, ist der Eindruck zweier Wesen, die im Moment tiefster Gefährdung aneinander gebunden sind. Eben darin liegt die Schönheit und die große Präsenz dieser Arbeit. (AK)
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