Hede Bühl (geb. 1940)
Bocca, 1983
Bronze, 51 x 30 x 43 cm
Auflage 3 (hier 2/3)
Werkverzeichnis 1983.2
vielfach ausgestellt und publiziert
Preis auf Anfrage
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Mit der Bocca von 1983 erreicht ein zentrales Thema Hede Bühls seine volle Größe. Was in der kleinen Bocca früh angelegt war, gewinnt hier monumentale Präsenz und eine ganz eigene existenzielle Wucht. Der Kopf, dessen ursprüngliches Modell aus Gips gefertigt wurde, erscheint als plastische Urform, gesammelt in einem großen Volumen und zugleich von Brüchen, Öffnungen und Aufwerfungen durchzogen.
Schon auf den ersten Blick fesselt die Spannung zwischen Geschlossenheit und Verletzung. Die mächtige Rundung des Schädels gibt der Skulptur Ruhe und Schwere; die weit geöffnete Mundhöhlung reißt diese Ruhe zugleich wieder auf. So entsteht ein Kopf, der in sich gesammelt wirkt und dennoch wie von inneren und äußeren Kräften gezeichnet ist. Stirn, Wangen, Kinn und Mundzone tragen Spuren einer Form, die sich verdichtet, aufbricht, zerfällt und neu behauptet. Gerade daraus bezieht diese Bocca ihre außerordentliche Intensität.
Der Mund ist das Zentrum der Skulptur. Er erscheint als Öffnung, als Höhlung, als dunkler Raum im Inneren des Kopfes. Hier verdichtet sich die ganze Ambivalenz der Arbeit: Sprache und Verstummen, Ausdruck und Verschluss, Innen und Außen, Verletzlichkeit und Behauptung. Die Bocca wirkt, als trage sie Stimme und Verstummen zugleich in sich. Diese Offenheit verleiht der Skulptur ihre eigentümliche Größe. Sie bleibt unmittelbar und geheimnisvoll zur selben Zeit.
Auch der Titel entfaltet in diesem Werk seine ganze Kraft. Die Erinnerung an die römische Bocca della Verità klingt weiter nach, nun jedoch mit einer ganz anderen Präsenz. Aus dem Echo eines alten Bildes ist eine autonome Kopfskulptur geworden, die archaisch wirkt und zugleich ganz in der Gegenwart steht. Hede Bühl führt den Kopf hier an einen Punkt, an dem er Zeichen, Körper und Landschaft der Oberfläche zugleich wird.
Besonders eindrucksvoll ist, wie sich die Skulptur im Umschreiten verändert. Von vorn zieht die dunkle Öffnung des Mundes den Blick unweigerlich an. Von der Seite treten die große Schädelwölbung und die blockhafte Setzung hervor. In den aufgerissenen, zerklüfteten Partien der unteren Gesichtszone gewinnt die Bronze eine fast geologische Anmutung. Die Oberfläche wirkt wie gezeichnet von Zeit, Druck und innerer Bewegung. Gerade dieses Zusammenspiel aus geschlossenem Volumen und aufbrechender Struktur macht die Bocca zu einem Hauptwerk.
Im Rückblick erscheint die Skulptur auch als große Antwort auf die frühe kleine Bocca. Der Titel kehrt wieder, das Motiv bleibt, und doch hat sich alles verwandelt. Aus der konzentrierten frühen Setzung ist ein Werk von souveräner Größe geworden. Die Bocca von 1983 bündelt Hede Bühls zentrales Interesse am Kopf in einer Form, die archaische Strenge, körperliche Unmittelbarkeit und seelische Dichte auf seltene Weise vereint.
So steht diese Skulptur im Werk Hede Bühls an einem herausragenden Punkt. Bocca besitzt jene Klarheit und Eindringlichkeit, die großen bildhauerischen Arbeiten eigen ist. Sie wirkt still und machtvoll, verletzlich und unerschütterlich zugleich. Eben darin liegt ihre besondere Schönheit — und ihre Bedeutung. (AK)
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